Kritik am Namen
"gerechte1komma5"

Gibt es eine ‚gerechte‘ Erderwärmung von 1,5°C? – Nein.

Menschliche Aktivitäten haben bisher ca. 1,1° Erderwärmung gegenüber vorindustriellem Niveau verursacht. Wenn es in diesem Tempo weiter geht, ist eine Erwärmung um 1,5° ab ca. 2030 – 2052 absehbar [1]. Bereits heute hat der Klimawandel katastrophale Auswirkungen auf Menschen und auf das Leben auf der Erde generell. Das sagt auch die Klimawissenschaft und warnt vor jeder weiteren Erwärmung. Die Marke von 1,5° ist ein Grenzwert aus der internationalen (Klima-)Politik.

Die Veränderungen durch die Erwärmung treffen vor allem diejenigen, die am wenigsten zu den Ursachen der Erdwärmung beigetragen haben. Das sind vor allem Menschen aus dem globalen Süden, wie Kleinbäuer*innen, Indigene, Frauen und nicht weiße Menschen mit geringerem Bildungsstatus und geringen finanziellen Mitteln, denen die Migration stark erschwert ist. Sie leiden unter Dürren und Überschwemmungen und verlieren dadurch ihr Land, welches ihre Lebensgrundlage ist. Viele werden so zur Flucht gezwungen oder müssen sich in krasse Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse begeben. Viele sterben direkt oder indirekt an den Folgen der Klimakrise.

Zu dieser Klimakrise massiv beigetragen haben historisch jedoch vor allem die Länder des globalen Nordens, besonders die europäischen und nordamerikanischen, und sie tun es auch heute noch.

Uns ist deshalb bewusst, dass es keine gerechten 1,5° geben kann. Jeder Temperaturanstieg verstärkt die globalen und sozialen Ungerechtigkeiten – auch ein Anstieg um maximal 1,5°.

Trotzdem ist die Begrenzung auf 1,5° ein politisches Ziel, für das sich auch Regierungsvertreter*innen besonders betroffener Länder eingesetzt haben. Bei 1,5° Erwärmung werden die Folgen des Klimawandels geringer ausfallen als bei 2° Erwärmung (Folgen sind z.B. Hitzeextreme, Starkregen, Dürren, Anstieg des Meeresspiegels, Artensterben, Ozeanversauerung und Sauerstoffarmut).

Die Auswirkungen des CO2e-Gehalts in der Atmosphäre führt stark verzögert zu einem Temperaturanstieg. Die bereits jetzt in der Atmosphäre enthaltenen Treibhausgase werden in Zukunft möglicherweise bereits zu einer Erwärmung von über 1,5° führen (gegenüber der vorindustriellen Zeit).

Wir glauben, dass 1,5° Erwärmung in Anbetracht der aktuellen Situation dennoch ein erstrebenswertes Ziel ist, das wir hoffentlich noch erreichen können. Dies darf jedoch nicht auf Kosten von jetzt schon benachteiligten, marginalisierten und besonders betroffenen Gruppen passieren, sondern muss sozial und global gerecht sein, auch unter Beachtung der historischen und aktuellen Gegebenheiten.

Die Nennung des politisch und medial fokussierten 1,5° Ziels soll außerdem den Anschluss an den bestehenden öffentlichen Diskurs ermöglichen.

[1] IPCC, 2018: Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. In: 1,5 °C globale Erwärmung. Ein IPCC-Sonderbericht über die Folgen einer globalen Erwärmung um 1,5 °C gegenüber vorindustriellem Niveau und die damit verbundenen globalen Treibhausgasemissionspfade im Zusammenhang mit einer Stärkung der weltweiten Reaktion auf die Bedrohung durch den Klimawandel, nachhaltiger Entwicklung und Anstrengungen zur Beseitigung von Armut. [V. Masson-Delmotte, P. Zhai, H. O. Pörtner, D. Roberts, J. Skea, P. R. Shukla, A. Pirani, W. Moufouma-Okia, C. Péan, R. Pidcock, S. Connors, J. B. R. Matthews, Y. Chen, X. Zhou, M. I. Gomis, E. Lonnoy, T. Maycock, M. Tignor, T. Waterfield (Hrsg.)]. World MeteorologicalOrganization, Genf, Schweiz. Deutsche Übersetzung auf Basis der Version vom 14.11.2018. Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle, ProClim/SCNAT, Österreichisches Umweltbundesamt, Bonn/Bern/Wien, November 2018.